Stadt, Land, Meer

Mit dem Flugzeug benötigt man von einem deutschen Flughafen nach Ioannina mit Zwischenstopp in Athen etwa acht Stunden. Mit dem Zug sind es etwa vier Tage: genügend Zeit, um sich innerlich vorzubereiten – so sollte man zumindest meinen. 

Man plant und überlegt monatelang, gerät zwischenzeitlich ein bisschen in Panik, bekommt sich vor Vorfreude nicht mehr ein und ist gleichzeitig traurig über den Abschied von Freunden und Familie. Ich vermute, dieses Gefühlsgemenge kennen alle, die zu einem längeren Auslandsaufenthalt aufbrechen.
Die Wochen vor meiner Abreise waren angefüllt mit Prüfungen, organisatorischen Problemen, Abschiedstreffen und dem (halben) Auszug aus meinem Zimmer. Nach dieser stressigen Zeit freute ich mich sehr auf die Zugreise – es war das dritte Mal, dass ich mit dem Zug nach Griechenland fuhr und so war mir der Ablauf und die Strecke schon recht gut bekannt. 

Teil 1: München (6. Februar)

Von Jena nach München zu fahren, wurde zum Glück zu keinem großen Abenteuer. Das graue Wetter machte mir den Abschied leichter, auch wenn es seltsam war, darüber nachzudenken, dass ich erst im September nach Jena zurückkehren würde. Über Erfurt erreichte ich nachmittags die „Landeshauptstadt München“, wie es in der Durchsage so schön hieß. Der Nachmittag und Abend wurde sehr schön; ich traf mich mit zwei Freunden, die ich schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte.

Teil 2: Italien (7. – 8. Februar)

Die eigentliche Reise begann erst am Freitagmorgen mit dem Zug nach Bologna. Dieser fährt über den Brenner nach Italien, sodass man sich während der Fahrt eigentlich nur mit Hinausgucken beschäftigen kann… Griechisch lernen macht außerdem viel mehr Spaß, wenn direkt hinter einem eine griechische Reisegruppe sitzt und sich lautstark unterhält.

Mit fast einer Stunde Verspätung erreichten wir Bologna, was ziemlich genau meiner geplanten Umsteigezeit entsprach. Zum Glück fuhr der Anschlusszug nach Brindisi direkt auf dem Gleis gegenüber ab, weswegen ich trotz meines Gepäcks noch rechtzeitig hineinspringen konnte. Um kurz nach halb zwölf fuhr der Zug schließlich im Bahnhof von Brindisi ein. Von dort war es ein kurzer Spaziergang durch die nächtlichen (und recht leeren) Gassen zu meinem Hotel, wo ich ziemlich erschöpft ins Bett fiel.

Da die Fähre erst um 22:00 abfahren sollte, konnte ich den gesamten Samstag in der Stadt verbringen, die ich zum ersten Mal besuchte.

Bereits in der Bronzezeit entstanden hier erste Siedlungen, seit dem 3. Jh. v. Chr. wurde Brundisium unter den Römern zu einem der wichtigsten Häfen. Hier endete die quer durch Italien verlaufende Via Appia, von hier aus erfolgte meistens die Überfahrt nach Dyrrhachium in Albanien, von wo aus die Via Egnatia quer über den Balkan nach Konstantinopel führte. 

Der Endpunkt der Via Appia wurde spätestens in severischer Zeit mit zwei großen Säulen mit beeindruckenden figürlichen Kapitellen markiert, von welchen man die Hafeneinfahrt auch heute noch wunderbar beobachten kann. Reste der antiken Stadt sind ansonsten nur unter einigen frühneuzeitlichen und modernen Gebäuden zu sehen – und natürlich im Archäologischen Museum, welches sehr gut ausgestattet ist (wenngleich auch die Museumskonzeption teilweise ein bisschen zu wünschen übrig lässt…) Besonders faszinierend fand ich die vielen Bronzefunde, die aus Schiffswracks der Umgebung stammten – eine Statue war sogar fast vollständig erhalten! 

Zum Glück war das Wetter recht angenehm, sodass ich neben Spaziergängen durch die Innenstadt, dem Besuch des Museums und einigen Kirchen den Großteil des Tages auf der Treppe vor den Säulen sitzend mit Lesen verbrachte. 

Teil 3: Fähre nach Igoumenitsa (8.– 9. Februar) 

Mit dem Einbruch der Dunkelheit machte ich mich nach einem kurzen Abendessen auf den Weg zum Hafen, welcher den schönen Namen Costa Morena trägt. Bis ich allerdings auf die Fähre konnte, vergingen weitere Stunden in verschiedenen Wartehallen des Hafenareals. Interessanterweise war ich neben einer sehr großen griechischen Schulgruppe die einzige Alleinreisende ohne Auto – ein gutes Buch hilft aber dabei, nicht allzu viel über diese Tatsache nachzudenken. 

Die Fahrt an sich war recht angenehm. Ähnlich wie auf der Fähre von Bari aus gibt es abgesehen von den teuren Kabinen zwei Räume mit Sitzreihen, in denen man sich zum Schlafen hinlegen kann. Nachdem meine Nachbarn allerdings zuerst ihren sehr aufgeregten Hund beruhigen mussten, sich anschließend lautstark stritten und schließlich auf voller Lautstärke albanische Tiktokvideos schauten (um ein Uhr nachts!) ohne auf meine Bitten nach Ruhe zu reagieren, zog ich ziemlich entnervt in den anderen Raum um. Dort schlief ich ungestört bis zum nächsten Morgen. 

Das Schönste am frühen Aufwachen war der Sonnenaufgang, den ich über den albanischen Bergen beobachten konnte. Auf der einen Seite Albanien mit der Stadt Saranda, auf der anderen Seite Korfu – nach der Archäologie-Exkursion vor anderthalb Jahren fühlte es sich fast ein bisschen an, wie nach Hause zu kommen. 

Teil 4: Igoumenitsa – Ioannina (9. Februar)

Seit meinem letzten Aufenthalt in Igoumenitsa auf meiner ersten Reise nach Athen war eine neue Busstation gebaut worden, die ich zum Glück anhand der Wegbeschreibung eines Busfahrers am Hafen recht schnell fand. Dort konnte ich erneut mehrere Stunden mit Warten verbringen (ich war inzwischen beim dritten Buch angelangt). Nachdem ich schließlich in den Bus gestiegen war, in dem einige andere griechische Studentinnen saßen, wurde mein Auslandssemester für mich mit einem Schlag real. Auf der gesamten Reise hatte ich kaum daran gedacht, sondern mich an der Umgebung, meinen Büchern und meiner freien Zeit erfreut. Als wir zwischen den griechischen Bergen hindurchfuhren, konnte ich es allerdings nicht länger verdrängen: ich würde tatsächlich an einer griechischen Universität ein Semester lang studieren! Und diese Aufregung hielt auch nach meiner Ankunft in Ioannina noch lange an…

 


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