Archäologiestudium vor der Haustür

Einer der vielen Gründe für das Erasmussemester war meine Neugier, wie sich das Archäologiestudium in Griechenland gestaltet – wenn man die Studienobjekte wortwörtlich vor der eigenen Haustüre hat, so müsste es doch anders sein? Und um es kurz zu machen: Das ist es auch. 

Während ich in Jena Klassische Altertumswissenschaften, d. h. Klassische Archäologie und Philologie sowie Alte Geschichte, studiere, gibt es in Ioannina einen zusammenhängenden Studiengang Geschichte und Archäologie. Dieser umfasst neben Geschichte (bis in die Moderne) auch die Prähistorische, Klassische und Byzantinische Archäologie. Erst im 3. Studienjahr fokussiert man sich auf eines der Fächer.  Das hat den Vorteil, dass viel interdisziplinärer und in der Breite studiert wird – gleichzeitig ist es aber auch (aus meiner Sicht) ein etwas zu breit gefasstes Spektrum, wenn man bedenkt, dass der Master nur ein Jahr dauert… Das Archäologiestudium profitiert aber natürlich auch sehr vom praktischen Teil des Studiums wie Exkursionen oder Grabungen, auf denen die griechischen Studierenden jedes Jahr einen großen Teil der Sommers verbringen. 

  1. Exkursionen

Ich hatte die Möglichkeit, an zwei Tagesexkursionen teilzunehmen. Die erste wurde von der urgeschichtlichen Archäologie organisiert und führte zum nahegelegenen Kokkinopilos. Benannt ist dieses Gebiet nach den auffallend roten Hügeln aus eisenhaltigem Lehmboden, die einer Marslandschaft gleichen. Aber auch abseits von diesem geologischen Phänomen ist Kokkinopilos auch archäologisch relevant: hier wurden zahlreiche paläolithische Steinartefakte in situ (d. h. im ungestörten Befund) entdeckt und konnten deshalb datiert werden (was in der Urgeschichte sonst sehr schwierig ist). Angesichts der Tatsache, dass ich nach einem Jahr mein Studium der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie aus zu geringem Interesse abgebrochen hatte, fand ich es verblüffend, wie spannend unser Professor die Exkursion gestaltete und mit wie viel Begeisterung die Studierenden dabei waren – eine Atmosphäre, wie ich sie dem Fach bislang nicht zugetraut hatte. 

Im Rahmen meines Seminars zu griechischer Malerei nahm ich an einer zweiten Tagesexkursion teil, die in die Museen von Pella und Vergina, den antiken Hauptstädten von Makedonien, führte. Bei diesen Namen leuchten die Augen von Altertumswissenschaftlern und insbesondere von Archäologen – aus Pella stammen unter anderem die ersten griechischen Mosaiken und in der Nekropole von Vergina wurde neben wunderschönen Malereien unter anderem das vollständig erhaltene Grab eines makedonischen Königs, vermutlich Philipps II. (dem Vater Alexanders des Großen), gefunden… Während wir im Archäologischen Museum von Pella Kurzvorträge hielten, wurden wir durch das Grabmuseum von Vergina von einem dort arbeitenden Archäologen geführt. Zu meinem großen Bedauern hatten wir allerdings keine Zeit, uns das große archäologische Museum von Vergina, geschweige denn die archäologischen Stätten selbst, anzusehen – das nächste Mal dann eben.

Bei den Exkursionen kam ich nicht nur dazu, die kurzen Distanzen zu beneiden, sondern auch ins Gespräch mit meinen griechischen Kommilitonen – gemeinsam halsbrecherisch einen roten Hügel hinunterzuschlittern oder stundenlang in einem kleinen Bus von einem wunderschönen Ort zum nächsten zu fahren, macht deutlich mehr Spaß als allein!

2. Workshop

Teil dieses Seminars war außerdem noch ein kleiner Kurs zur Kunst der Wachsmalerei (Enkaustik). Die bekanntesten antiken Beispiele für diese Technik sind die römischen Mumienporträts aus Fayum in Ägypten. Mit einem Spatel und eingefärbtem Wachs (und sehr viel Übung) können Bilder gemalt werden, deren Farbe auch nach Jahrtausenden nicht verblasst. Geleitet wurde der dreistündige Workshop von einem externen Künstler und Archäologen, der uns erklärte, wie man von einer Vorzeichnung ausgehend das Wachs aufträgt. Meine Vorlage stammte zwar aus einem etruskischen Grab (das Porträt von Velia Velcha aus der Toma dell’Orco in Tarquinia, um ganz genau zu sein), aber ließ sich sehr gut umsetzen. 

3. Ausgrabung

Es ist faszinierend und lustig zugleich, dass die Ausgrabung, an der ich teilnahm, auf dem Campusgelände stattfand. In einem kleinen Wäldchen am Ende des Campus befindet sich ein kleines Heiligtum aus hellenistischer Zeit, wo seit einigen Jahrzehnten regelmäßige Lehrgrabungen der Universität stattfinden. Die Grabung war Teil eines Seminars mit dem schönen Titel „Ausgrabungsmethoden – Feldarchäologie in Epirus“, in welchem uns von den drei Professoren der Klassischen Archäologie sowohl methodische als auch inhaltliche Informationen vermittelt wurden. Ende April begann dann die zweiwöchige Grabung, die von morgens halb acht bis mittags um drei andauerte. Im Anschluss wurde (falls man keine Vorlesungen besuchen musste) die gefundene Keramik gewaschen, sortiert und gezeichnet. 

Es war tatsächlich meine erste Grabung, sodass ich endlich all die Schritte, von denen ich schon so oft gehört hatte, zum ersten Mal ausführen oder zumindest beobachten konnte. Sei es das Freilegen der Fläche, das Anlegen eines Planums (möglichst gleichmäßig abgetragene Schicht einer Grabungsfläche), das Sieben der abgetragenen Erde, das Vermessen von Punkten, das Fotografieren von Funden und Arbeitsfortschritten, das Führen eines Grabungstagebuches, das Waschen und Auslegen von Keramikscherben… Mein griechisches Fachvokabular wurde erweitert (spätestens nach der sechsten Schlange, die beim ersten Entfernen der Abdeckplanen zum Vorschein kam, merkt man sich, was φίδι! bedeutet), wenngleich ich viele Erklärungen und Gespräche nur zum Teil verstand.

Leider konnte ich aufgrund einer zeitlichen Überschneidung mit meinem Griechischkurs nur in der ersten Woche teilnehmen und verpasste auch die Exkursion nach Arta sowie die Zeichenstunden… Trotzdem war diese Ausgrabung für mich eine ganz besondere Erfahrung.

4. Konferenz

Anfang April fand in Ioannina außerdem das 6. Internationale Graduiertensymposium zur maritimen Archäologie statt. Mehrere Tage lang präsentierten archäologische Forschungsteams aus allen möglichen Ländern ihre aktuellen Projekte, und dabei waren auch die Studierenden eingeladen. Ich konnte zwar aus zeitlichen Gründen nur bei wenigen Kurzvorträgen dabei sein, aber es war dennoch faszinierend, eine so große Konferenz zu erleben und in die mir bis dahin so gut wie unbekannte Welt der Unterwasserarchäologie einzutauchen.

Fazit

Archäologie in Griechenland zu studieren, bedeutet also wirklich etwas anderes als in Deutschland. Das Studium ist sehr intensiv – sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Die Vielfältigkeit des Faches (Grabung, Exkursion, Techniken wie Zeichnen und Messen, experimentelle Archäologie) werden stärker eingebunden, ebenso wie die Verbindung der Klassischen Archäologie mit den anderen Archäologierichtungen viel enger ist, als ich es aus Jena kenne. Gleichzeitig sorgt die Verknüpfung mit Geschichte und „Folklore“ aber auch für eine ziemlich hohe Belastung der Studierenden das ganze Jahr über – im Vergleich dazu ist mein Studium in Jena absolut entspannt.

Für mich war dieses Semester also auch in fachlicher Hinsicht eine unglaublich bereichernde Erfahrung, die ich nicht missen möchte. 


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